Warum spuckt man ihnen wieder ins Gesicht?

S. und E. leben seit einem halben Jahrhundert in der Schweiz. Sie haben zwei Töchter und zwei Söhne. Im Gegensatz zu ihren Kindern haben sie keinen Schweizer Pass. Warum das so ist, weiss ich nicht mit Sicherheit, ich kann es lediglich ahnen.

Ich ahne, es hängt damit zusammen, dass in den ersten 20 Jahren ihres Aufenthalt in der Schweiz täglich zu spüren bekamen, dass sie nicht hierher gehören. Und sie bekamen es deutlich zu spüren. Denn sie wurden auch schon mal auf der Strasse von wildfremden Menschen angespuckt. Buchstäblich. Ich vermute, ohne es genau zu wissen, dass sich diese Spucke in ihre Haut und ihren Geist eingebrannt hat, und dass die Narben noch heute sichtbar sind.

dsineinS. hat hart gearbeitet. Als selbstständiger Lastwagenchaffeur konnte er sich keine Ferien leisten. Er war auf die Aufträge angewiesen, die ihn nur erreichen konnten, wenn er jederzeit verfügbar war. Ferien sahen wir für ihn so aus: Er fuhr seine Frau, E., und seine vier Kinder mit dem Auto zum kleinen Ferienhaus an der ligurischen Küste,  die Abfahrt erfolgte jeweils irgendwann mitten in der Freitagnacht. Dort angekommen, wurde eingekauft, das Haus hergerichtet, anstehende Reparaturen vorgenommen, so dass er am Sonntag nach dem Mittagessen wieder aufbrechen konnte, um am Montag wieder arbeiten zu können. Zwei oder drei Wochen später fuhr er mitten in der Freitagnacht wieder los, um seine Familie abzuholen. Wenn dann im Winter die üblichen Aufträge ausblieben, weil die Baustellen geschlossen waren, versah S. den Winterdienst, so dass die lieben Leute in der Stadt nicht auf den glatten Strassen verunfallten.

E., seine Frau, half so gut sie konnte, das Einkommen der Familie etwas aufzubessern. Sie betätigte sich als Kunststopferin, was sich wie folgt abspielte: Jemand von einer Textilfirma brachte gewaltige Stoffballen zu E. nach Hause, die diese auf dem Küchentisch ausbreitete, um mit Kreide irgendwelche Fehler zu markieren oder auszubessern. Die Details dieser Tätigkeit sind mir nicht vertraut. Ich weiss nur, dass es für E. nicht unbedingt einfach war, hatte sie doch gleichzeitig vier Kinder im Hause, um die sie sich auch zu kümmern hatte. Und Kinder können unter Umständen auch ziemlich fordernd sein.

So bestritten also S. und E. ihr Leben in der Schweiz, zogen ihre vier Kinder auf, trichterten ihnen Tugenden wie Anstand, Rechtschaffenheit und Fleiss ein. Aus dem Nachwuchs ist dann auch etwas Ordentliches geworden. Alle sechs Familienmitglieder konnten unbescholten durch Leben gehen. Inzwischen geniessen S. und E. ihren wohlverdienten Ruhestand.

Warum ich diese Geschichte hier erzähle? Am kommenden Sonntag stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung über die so genannte Durchsetzungsinitiative ab. Sie will auf Verfassungsstufe festlegen, unter welchen Bedingungen Ausländer – d.h. Personen, die in der Schweiz leben, aber keinen Schweizer Pass haben, also Personen wie S. und E. – aus dem Land geworfen werden sollen, wenn sie etwas ausfressen. Argumentiert wird mit dem Bedürfnis, Schwerstkriminelle – so etwas Vergewaltiger, Mörder, Räuber – nicht mehr in der Schweiz zu dulden. Das ist so weit so einleuchtend, ist aber Augenwischerei. Ohne diese Durchsetzungsinitiative wären schon längst die Gesetzesbestimmungen in Kraft, die aufgrund der Ausschaffungsinitiative der SVP erlassen wurden. Und diese Bestimmungen sind sehr streng, äusserst streng, aber sie haben in den Augen der Initianten einen Haken: Sie erlauben es einem Richter, einen Fall unter Berücksichtigung aller Umstände zu beurteilen. Dieses richterliche Ermessen, das von den Initianten als Täterschutzklausel diffamiert, in Wirklichkeit freilich eine der Errungenschaften eines Rechtsstaats ist, wollen die Initianten auf keinen Fall mehr dulden. Denn – und das ist wohl auch das Hauptanliegen dieser Initiative – eigentlich geht es nur darum, den Menschen ohne Schweizer Pass zu sagen:

„Ob du nun 50 Jahre oder 5 Monate in der Schweiz lebst; ob du dich nun krummgeschuftet hast oder nur am Bahnhof rumhängst: Du bist nicht einer von uns. Wir sind grosszügig genug, dich hier zu dulden. Aber beim kleinsten Ausrutscher packst du gefälligst deine Koffer und verschwindest. Und beklag dich nicht. In Domodossola ist es ja schliesslich auch ganz schön. Bloss hier hast du nichts zu suchen.“

Weder S. und E. haben wohl zu befürchten, dass sie wegen der Durchsetzungsinitiative ausgeschafft werden. Selbst um ihre Kinder brauchen sie sich nicht zu sorgen. Und dennoch – um jetzt etwas persönlich zu werden – werde ich es jedem Einzelnen, der bei der Durchsetzungsinitiative Ja stimmt, übel nehmen. Richtig übel nehmen. Denn damit erklären sie Menschen wie S. und E. zu Bürgern zweiter Klasse. Damit tun sie genau das, was andere Bürger erster Klasse schon vor vier Jahrzehnten gemacht haben: Sie spucken ihnen ins Gesicht.

Und ich muss ehrlich sagen: Ich mag es nicht, wenn meinen Eltern S. und E. nach all den Jahren wieder ins Gesicht gespuckt wird.

 

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